Hinweis
Dieser Beitrag erschien ursprünglich nie. Er war eine Abgabe im Rahmen des Onlinemedien-Studiums im vierten Semester, Kurs „Texten“.
In diesem Beitrag beschäftigen wir uns mit der Aufmerksamkeit der Menschen im digitalen Zeitalter. Wir stellen uns der Frage, warum Aufmerksamkeit als „Währung“ bezeichnet wird und was es mit der neuen Trend-App „BeReal“ damit auf sich hat.
Ist BeReal das „Anti Instagram“?
Aufmerksamkeit als Schutzfunktion und Währung
Schon in der Steinzeit war Aufmerksamkeit notwendig, um uns vor lebensbedrohlichen Gefahren zu schützen.1 Und genau diesen Urinstinkt der Schutzfunktion, nutzen heute soziale Netzwerke aus, um uns Nutzer:innen so lange wie möglich auf den digitalen Plattformen zu binden. Das Ziel ist es möglichst viele Nutzer:innen auf wie Instagram, Facebook, YouTube und Co. zu bekommen und dort zu halten.
Dazu nutzen die Entwickler:innen dieser Apps mehrere Strategien. Zum einen werden Soziale Netzwerke reaktiv gestaltet. Likes, Kommentare oder Reactions sind hier nur ein paar wenige Beispiele. Zum anderen passen Algorithmen das Ausspielen der digitalen Inhalte so an, dass uns Nutzer:innen natürlich die Inhalte ausgespielt werden, welche uns langfristig auf der Plattform halten. Denn je länger wir uns dort aufhalten, desto mehr Werbeanzeigen können ausgespielt werden und desto mehr Geld fließt wieder an das Netzwerk. Es ist also völlig klar, dass es nicht im Sinne der Tech-Giganten liegt uns Content auszuspielen, der nur durchschnittlich ist.
Somit ist unsere Aufmerksamkeit zu einer Währung für Werbetreibende geworden.
User generated Content
Da der Algorithmus für all diese Aufmerksamkeit Inhalte Benötigt, müssen diese natürlich erst von anderen Nutzer:innen hochgeladen werden. Oder eben auch von uns selbst. Jeder und jede:r darf sich zeigen. Und hier werden möglichst perfekte Momente präsentiert.2 – Wer möchte schon ein Bild von sich zeigen, wie sie oder er am Wochenende verschlafen bis um 12:00 Uhr im Bett liegt?
Was kann BeReal?
Und hier kommt BeReal ins Spiel. Denn hier kann man sich den „perfekten Moment“ nicht aussuchen. Mehr dazu gleich.
Ich habe BeReal bereits im Juli 2022 von einer Freundin empfohlen bekommen und war zunächst skeptisch. „Eine weitere App, die Bilder von mir will?“, „Und mir dann auch noch vorgibt, wann ich was zu posten habe?“. Nun, ich bin ja immer offen für Neues. Also habe ich mich auch ran gewagt.
Der Aufbau der App ist relativ einfach gehalten. Einmal am Tag kommt zu einem zufälligen Zeitpunkt eine Nachricht „⚠️Time to BeReal⚠️“. Und diese an alle Nutzer:innen der App gleichzeitig. Anschließend hat man zwei Minuten Zeit, um ein Bild von sich und seiner Umgebung zu posten. Mit beiden Kameras des Smartphones wird dabei gleichzeitig ein Bild geschossen.
Schafft der/die Nutzer:in es nicht innerhalb der vorgegebenen Zeit, so kann immer noch ein sogenanntes „Late“ aufgenommen werden. Dann wissen die Freund:innen allerdings, dass das nicht so ganz „echt“ war. Eventuell sogar extra hinausgezögert, um doch wieder den perfekten Moment abzuwarten?
BeReal. – Die Lösung unserer Probleme?
Beziehen wir uns wieder auf die Realität, welche die Enwitckler:innen der App ja stolz vermitteln wollen, lässt sich nicht sagen, ob die App nun tatsächlich die Probleme gefakter Bilder löst. Nicht selten erwische auch ich mich dabei, wie ich schnell noch vom Sofa an den Schreibtisch wechsle oder das YouTube Video auf dem Bildschirm durch einen Blogbeitrag ersetze.
Doch kommen wir zurück zur Kernfrage des Beitrags – der Aufmerksamkeit: Die Anwendung benötigt erstaunlich wenig Aufmerksamkeit. Diese ist zwar gezielt und wird aktiv eingefordert, doch dann ist sie auch nur für kurze Zeit notwendig. Die Nutzung beschränkt sich auf das schnelle Bild und eventuell schaut der User noch schnell auf die Beiträge der Follower:innen. Das war es dann auch schon wieder. Kein langes Scrollen durch überheblich geschönte Beiträge. Das belegt auch eine Studie aus dem Sommer 20223, welche aufzeigt, dass die Nutzung in der Generation Z mit durchschnittlich 50,7 Minuten täglich auf YouTube deutlich höher war als mit 3,8 Minuten auf BeReal. Mit 24,4 Minuten war TikTok auf Platz zwei immerhin noch 6,4-mal höher. Das zeigt auch die nachfolgende Grafik.

Und aktuell ist BeReal sogar noch frei von Werbeanzeigen. (Stand Februar 2023.)
Doch ist diese App nun eine Alternative zu Instagram oder Snapchat? Dazu gibt es zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine Statistiken. Echtzeit Plattformen, wie Clubhouse oder HouseParty hatten es in der Vergangenheit allerdings auch schon schwer, langfristig auf dem Markt etabliert zu bleiben.5
Meine persönliche Einschätzung fällt so aus: Es ist aktuell eine weitere App, welche ich zusätzlich zu Instagram, Facebook und auch Snapchat nutze. Snapchat hat dann doch nochmal einen privateren Charakter. Der „echter“ und intimer sein kann, da man hier nur dem einen Freund oder der einen Freundin den Moment mitteilt. Je mehr Nutzer mir auf BeReal folgen, desto unechter werden die Posts, da es mit mehr Personen auch immer „öffentlicher“ wird. Und mahl ehrlich, wenn wir wirklich „real“ sein wollen, dann sollten wir uns auch in real treffen. 😉
Wie siehst Du das?
Quellen
- Fakten Verstehen Handeln, „Der geraubte Fokus“, Der Pragmaticus (blog), zugegriffen 23. Januar 2023, https://www.derpragmaticus.com/d/aufmerksamkeit/. ↩︎
- „Die Instagram Scheinwelt – Mehr Schein als Sein? – Honey“, 29. April 2020, https://newsroom.mi.hs-offenburg.de/die-instagram-scheinwelt-mehr-schein-als-sein/. ↩︎
- „U.S. Gen Z Monthly Minutes Spent on Social Media 2022“, Statista, zugegriffen 27. Januar 2023, https://www.statista.com/statistics/1359924/time-spent-gen-z-social-media/. ↩︎
- „U.S. Gen Z Monthly Minutes Spent on Social Media 2022“. ↩︎
- Joshua Kodzo, „Konkurrenz für Snapchat, Instagram und Co.: Was kann die neue Social-Media-App BeReal“, RP ONLINE, 17. Mai 2022, https://rp-online.de/digitales/internet/neue-social-media-app-bereal-konkurrenz-fuer-snapchat-instagram-und-co_aid-69841557. ↩︎
